Linkshänder früher in der Schule: Umerziehung und Folgen

Ein leeres Klassenzimmer mit hellen Holzpulten und einer Tafel
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Bis in die 1970er Jahre wurden Linkshänder in Deutschland in der Regel spätestens mit der Einschulung gezwungen, mit rechts zu schreiben. So fasst es Wikipedia zusammen. Die Hirnforschung hat gezeigt, dass sich die Händigkeit durch diese Umerziehung nur zum Teil umlernen lässt, denn die Planung einer Bewegung bleibt in der dominanten Hirnhälfte. Ob die Umerziehung Schäden hinterlassen hat, nennt das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein dagegen „wissenschaftlich noch recht unklar”.

Zeitraum: wie lange Linkshänder umerzogen wurden

Die Quellen nennen nicht denselben Zeitpunkt.

QuelleAussage zum Zeitraum
WikipediaZwang zur rechten Schreibhand bis in die 1970er Jahre in der Regel
Ärzte Zeitung, Johanna Barbara Sattler, Leiterin der ersten deutschen Beratungsstelle für Linkshändernoch bis in die 1990er Jahre viele Umschulungen
TU München, Pressemitteilung 2023bis in die 1990er Jahre die Norm
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Pressemitteilung 2007von der Praxis mittlerweile weitgehend abgekommen

Welche Angabe die Wirklichkeit trifft, hing vermutlich von Region und Schule ab. Zahlen dazu nennt keine der Quellen.

Zeitzeugen: wie das ablief

Die Psychotherapeutin Marina Neumann, damals 67 Jahre alt, erinnert sich in der Ärzte Zeitung an ihre Schulzeit: „Es hieß damals: Alle schreiben mit rechts. Wer das nicht tat, bekam eine Ohrfeige.”

Der Hirnforscher Hartwig Siebner schildert auf dasgehirn.info, viele Teilnehmer seiner Studie hätten ihm gesagt, es sei für sie belastend gewesen, in der Schule so gedrillt zu werden. Von einem Teilnehmer erzählt er, ihm habe man die andere Hand eingegipst.

Das sind Erinnerungen Einzelner. Sie zeigen, wie es zugehen konnte, aber nicht, wie häufig es vorkam.

Federhalter und Tintenfass auf einem hellen Holzpult Schreiben mit der rechten Hand war lange Teil des Schulalltags.

Warum man es für richtig hielt

Maßstab war die Rechtshändigkeit. Nach Wikipedia galt sie in Deutschland als erwünscht. Manche glauben bis heute, ein Linkshänder habe es in einer Welt von Rechtshändern einfacher, wenn er gleich auf rechts umerzogen wird. Beratungsstellen klären dagegen seit den 1980er Jahren auf, dass ein Umerziehen für das Lesen- und Schreibenlernen eher kontraproduktiv sein kann.

Ganz verschwunden ist die Praxis laut Wikipedia nicht. Noch gelegentlich werden Linkshänder umerzogen, weil die neuronalen Zusammenhänge und die Folgen in der Bevölkerung nicht ausreichend bekannt sind. Wie Eltern ein linkshändiges Kind heute beim Schreiben unterstützen, steht im Beitrag zu Linkshänder und Schreiben lernen und im Ratgeber für Eltern. Aufmerksamkeit für das Thema soll jedes Jahr der Tag der Linkshänder am 13. August schaffen.

Hirnforschung: was im Kopf umgelernt wird

Hartwig Siebner und Stefan Klöppel haben 2007 im Journal of Neuroscience untersucht, was im Gehirn umgelernter Linkshänder geschieht. Sie verglichen sie im Kernspintomographen mit Rechtshändern und mit Linkshändern, die nie umgelernt hatten. Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein fasst das Ergebnis so: Linkshänder lassen sich nicht zu Rechtshändern umpolen.

Umgelernt wird die Ausführung. Die Aktivität in den Bewegungsarealen verlagert sich teilweise in die linke Hirnhälfte, und zwar umso stärker, je erfolgreicher jemand auf rechts umgeschult wurde. Die Planung und Kontrolle der Bewegung läuft dagegen weiter über die dominante rechte Hirnhälfte, auch wenn die rechte Hand schreibt.

Siebner schließt daraus auf dasgehirn.info, die Vorliebe für die linke Hand bleibe beim Umschulen bestehen. Wer mit rechts schreibt, bleibt demnach Linkshänder. Üben lässt sich die rechte Hand trotzdem. Bei genug Training schreiben Umgelernte laut Siebner mit rechts gleich gut oder fast so gut wie ein Rechtshänder, und im Kindesalter gelingt das Umlernen deutlich leichter als bei Erwachsenen. Wie die beiden Hirnhälften sonst arbeiten, steht im Beitrag zu Linkshändern und den Gehirnhälften.

Folgen: was belegt ist und was umstritten bleibt

Beratungsstellen sehen in der Umschulung einen schweren Eingriff. Sattler nennt sie gegenüber der Ärzte Zeitung „einen der massivsten Eingriffe in das menschliche Gehirn ohne Blutvergießen”. Zu den direkten Folgen können nach ihrer Darstellung sechs Beschwerden gehören.

  • starke Erschöpfung
  • Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme
  • Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten
  • Links-Rechts-Unsicherheit
  • feinmotorische Störungen
  • Sprachstörungen

Auf lange Sicht könnten daraus nach Sattlers Einschätzung Minderwertigkeitskomplexe, Rückzug und emotionale Probleme bis hin zu Depressionen entstehen (Ärzte Zeitung). Das ist die Darstellung einer Beratungsstellenleiterin und kein Studienergebnis.

Die Hirnforschung bestätigt das so nicht. Nach der Pressemitteilung des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein ließen sich bei der Hirnaktivität keine Nachteile für umgelernte Linkshänder erkennen. Wie sich das Umlernen langfristig auf die Gehirnfunktion auswirkt, sei wissenschaftlich noch recht unklar. Gemessen wurde allerdings die Aktivität bei einfachen Tastendrücken, nicht Gedächtnis, Sprache oder Befinden.

Auch Siebner lässt beides gelten. Umlernen sei nicht zwangsweise belastend oder traumatisierend und könne beim Musizieren sogar nützen, weil dann beide Hände trainiert werden (dasgehirn.info). Viele Teilnehmer hätten die Schulzeit aber als Stress erlebt, und aus seiner Sicht lohne das Umlernen kaum.

Die Technische Universität München geht noch weiter und schreibt in derselben Pressemitteilung, das Umerziehen von Linkshändern könne in Deutschland inzwischen sogar strafbar sein, weil es geistige Fähigkeiten wie Konzentration beeinträchtigen könne. Eine Rechtsberatung ist das nicht.

Beschwerden wie Konzentrations- oder Leseprobleme haben viele mögliche Ursachen. Ob die Umschulung dazugehört, lässt sich nach der Studienlage nicht pauschal sagen. Wer darunter leidet, lässt das am besten ärztlich abklären und kann zusätzlich eine Beratungsstelle für Linkshänder fragen.

Selbstumschulung und Rückschulung

Nicht jede Umstellung geschieht durch Zwang. Die Selbstumschulung ist der stille Fall. Wikipedia beschreibt, dass sich manche linkshändige Kinder schon im Kindergartenalter selbst auf die rechte Hand festlegen, weil sie sich anpassen wollen. Eltern und Pädagogen bemerken das meist nicht. Sattler hält diese Nachahmung heute für das häufigere Thema und bemängelt, dass Erzieherinnen und Pädagogen oft nicht wissen, wie man Linkshändigkeit erkennt und fördert. Wie sich die Händigkeit überhaupt entwickelt, steht im Beitrag zu den Ursachen der Händigkeit.

Manche Umgeschulte lernen später auf links zurück, das nennt man Rückschulung. Neumann bietet nach eigenen Angaben seit Jahren Rückschulungen an und nennt ihre eigene in der Ärzte Zeitung „eine körperliche und psychische Befreiung”. Sie berichtet dort auch von Erwachsenen, die nach der Rückschulung ruhiger geworden seien, und davon, dass Kinder sich danach oft schneller konzentrieren könnten. Das sind Erfahrungen einer Anbieterin und ihrer Klienten, kein Wirksamkeitsnachweis.

Die Pilotstudie der Technischen Universität München zur Rückschulung, deren Datensatz Sattler lieferte, hatte folgende Eckdaten.

  • zwölf Erwachsene zwischen 20 und 50 Jahren
  • zwei Jahre Schreibtraining mit der linken Hand, nie länger als 20 Minuten am Tag
  • Ergebnis: Die linke Hand kam der Leistung der rechten näher, erreichte aber nicht das Niveau von Linkshändern, die nie umgeschult wurden.

Die Forscher nennen als mögliche Gründe einen zu kurzen Zeitraum, anders entwickelte Hirnareale und das Alter. Eine erste Orientierung zur eigenen Händigkeit gibt der Händigkeitstest, eine Diagnose ersetzt er nicht. Weitere Hintergründe sammelt die Seite Tipps für Linkshänder.

Übersicht: was die Quellen tragen

AussageStand der BelegeQuelle
Umlernen macht aus Linkshändern keine RechtshänderKernspin-Studie 2007Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Umerziehung verursacht Gedächtnis-, Lese- und SprachproblemeFachmeinung von Beratungsstellen, Studienlage unklarÄrzte Zeitung, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Rückschulung bringt die linke Hand nicht auf das Niveau nie umgeschulter LinkshänderPilotstudie mit zwölf TeilnehmernTU München

Häufige Fragen

Muss ich als umgeschulter Linkshänder zurück auf links?
Nein, eine Pflicht gibt es nicht. Ob eine Rückschulung sinnvoll ist, hängt von Beschwerden, Alter und Wunsch ab. Das klärt man in einer Beratungsstelle für Linkshänder oder mit einer Ärztin oder einem Arzt.
Gibt es einen Test, ob ich umgeschult wurde?
Ein Test aus dem Internet gibt nur einen Hinweis. In unklaren Fällen bieten Beratungsstellen für Linkshänder und Ergotherapeuten mit entsprechender Qualifikation spezifische Händigkeitstests an.
Wie schreibt ein linkshändiges Kind heute mit links?
Umgelernt wird heute nicht mehr. Praktische Tipps zu Stift, Heft und Sitzhaltung stehen im Beitrag zum Schreibenlernen für Linkshänder.
Quellen

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